Es wird Nacht, Biberita

Eine fabelhafte Geschichte in drei Bildern fand sich vor einer Woche in der FAS:

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  1. Ein Sesshafter mit festen Dach über dem Kopf bekommt Besuch von einem Zuwanderer.
  2. Der Neuankömmling wird mit herzlicher Willkommenskultur empfangen, gemeinsam wird gefuttert. Der (oder die) Neue schaut schon mal begehrlich rüber zum Napf des Gastgebers.
  3. Am nächsten Morgen hat der Gast seinem Gastgeber das Dach über dem Kopf weggefressen.

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Das Ganze ist eine Fabel ohne Worte. Der Wanderer ist ein Biber, der Gastgeber ein Hund, dem über Nacht  seine Hütte weggenagt wird. Was will uns diese Geschichte sagen? Schauen wir nach bei Wikipedia:

Die Fabel (lateinisch fabula, „Geschichte, Erzählung, Sage“) bezeichnet eine in Vers oder Prosa verfasste kürzere Erzählung mit belehrender Absicht, in der vor allem Tiere, aber auch Pflanzen und andere Dinge oder fabelhafte Mischwesen menschliche Eigenschaften besitzen (Personifikation) und auch menschlich handeln (Bildebene). Die Dramatik der Fabelhandlung zielt auf eine Schlusspointe hin, an die sich meist eine allgemeingültige Moral (Sachebene) anschließt.

Gut, verstanden. Aber was hat es mit Biberita auf sich? Das ist ganz klar eine Anspielung auf den alten Text von Udo Jürgens: Es wird Nacht, Senorita:

Es wird Nacht, Senorita, und ich hab’ kein Quartier.
Nimm’ mich mit in dein Häuschen, ich will gar nichts von dir!
Etwas Ruhe, vielleicht; ich bin müde vom Wandern,
Und ich bin außerdem nicht so schlecht wie die andern!

Es wird Nacht, Senorita, sei nicht grausam zu mir!
Nimm’ mich mit in dein Bettchen, ich will gar nichts von dir!
Einen Kuß nur, vielleicht; ich bin müde vom Wandern,
Doch ich küsse auch dann nicht so schlecht wie die andern!

Es wir Nacht, Senorita, siehst du nicht, wie ich frier’?
Drück’ mich fest an dein Herzchen, ich will gar nichts von dir!
Etwas Liebe, vielleicht; ich bin müde vom Wandern,
Doch ich lieb’ dich auch dann nicht so schlecht wie die andern!

Die Moral von der Geschichte? Der zunächst bescheidene Wanderer wird immer dreister. Und er bekommt, was er verlangt. Wer es sich noch einmal anhören will:

Da fällt mir noch etwas ein: Wandern heißt auf Latein migrare. Migrantes ist Partizip Plural und bedeutet „Die Wandernden“.

Aus: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23. August 2015


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