Fukushima: Fünf Jahre später

Hundert Euro habe ich mir selber verdient. Denn die hatte ich demjenigen ausgelobt, der mir als erster eine nachprüfbare Nachricht über eine Strahlenerkrankung als Folge des Reaktorunglücks in Fukushima präsentiert. Im November letzten Jahres war es soweit. Ich stieß auf diese Meldung:

http://www.aerztezeitung.de/panorama/k_specials/japan/article/897152/atomkatastrophe-fukushima-erster-leukaemie-fall-arbeiter-bestaetigt.html

Aus dem Text: Die Ministeriumsvertreter nahmen davon Abstand, einen Zusammenhang mit der Fukushima-Katastrophe zu bestätigen: „Obwohl die kausale Verbindung zwischen der Tatsache, dass er Strahlung ausgesetzt war, und seiner Erkrankung unklar ist, haben wir ihm bescheinigt, dass er im Rahmen der Arbeitsunfallversicherung eine Entschädigung erhält.“

Der Mann hatte bei Aufräumarbeiten über einen längeren Zeitraum eine Dosis von insgesamt etwa 20 Millisievert aufgenommen. Das entspricht ungefähr der Strahlendosis einer CT-Untersuchung des Brustraumes.  Einer solchen Behandlung hatte auch mich vor über dreißig Jahren unterzogen.  Diese Strahlenmenge gilt üblicherweise als gesundheitlich  unproblematisch.

In den US-Nachrichten wurde es genauer spezifiziert: Die Leukämieerkrankung des Arbeiters wurde als Berufserkrankung wegen Fukushima anerkannt und ist damit die erste ihrer Art. Eine absolute Gewissheit ist es somit nicht. Aus dem US-Text:

The Health and Labor Ministry said the man, who wasn’t identified further, has received government approval for compensation for the radiation-induced illness.

Und weiter:

Medical experts could not determine whether his exposure at Fukushima was the direct cause of his leukemia, a ministry official said on condition of anonymity, citing sensitivity of the issue. But his total exposure of 19.8 millisievert was mostly from his work at Fukushima, the official said.

Quelle: http://www.nj.com/healthfit/index.ssf/2015/10/ex-fukushima_nuclear_plant_worker_confirmed_to_hav.html

Aus dem US-Text geht hervor, daß ca 40.000 Arbeiter rund um Fukushima eingesetzt waren. In Deutschland beträgt das jährliche Erkrankungsrisiko für Leukämie eines 30 bis 40-jahrigen Mannes bei 3 bis 5 Fällen pro 100.000 Einwohner. Davon ist ein Viertel auf AML zurückzuführen. Vermutlich ist diese Krebsart, die zusammen mit Strahlenexposition beobachtet wird, bei dem Mann diagnostiziert worden. Die Überlebenswahrscheinlichkeit in den ersten fünf Jahren beträgt 50%. Wünschen wir dem Mann gute Besserung und vollständige Heilung!

http://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Leukaemien/leukaemien_node.html

http://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/kid_2013/kid_2013_c91-95_leukaemien.pdf?__blob=publicationFile

Die deutschen Medien waren nun in einem Dilemma. Gilt doch in der öffentlichen Wahrnehmung Fukushima als die Super-Katastrophe schlechthin. Was man geflissentlich weglässt: Eine Atom-Katastrophe,  die bis dahin noch keine strahlenbedingten Gesundheitsschäden verursacht hat. Dementsprechend dürftig vielen die Verlautbaren hierzulande aus. Bei Greenpeace hieß es knapp: Die Blutkrebserkrankung ist auf die Strahlenbelastung am zerstörten Atomreaktor zurückzuführen… Seine Erkrankung steht in direktem Zusammenhang mit seiner Arbeit in Fukushima. https://www.greenpeace.de/themen/energiewende/atomkraft/die-krankenakte-fukushima   Eine unklare kausale Verbindung wird bei Greenpeace somit zur Gewissheit umgedeutet. Ähnliches fand man auch in der übrigen deutschen Presse.

Die von Greenpeace und anderen Kampagnenorganisationen darüber hinaus ins Feld geführten angeblichen Fälle von Schilddrüsenkrebs halten einer näheren Betrachtung nicht stand. Zu solchen Berichten stellt die WHO fest:

There have been recent reports about thyroid cancer cases being diagnosed among children exposed to low doses of radioactive iodine as a result of the Fukushima accident. These reports should be interpreted with caution. A large excess of thyroid cancer due to radiation exposure, such as occurred after the Chernobyl accident, can be discounted because the estimated thyroid doses due to the Fukushima accident were substantially lower than in Chernobyl. Nevertheless, the highly-sensitive thyroid screening of those under 18 years old at the time of the accident is expected to detect a large number of thyroid cysts and solid nodules, including a number of thyroid cancers that would not have been detected without such intensive screening. Similar or even slightly higher rates of cysts and nodules were found in prefectures not affected by the nuclear accident. The substantial number of cases that have already been observed in the Fukushima Health Management Survey have been considered likely due to the sensitivity of the screening rather than to radiation exposure.

Aus: http://www.who.int/ionizing_radiation/a_e/fukushima/faqs-fukushima/en/

Das Robert-Koch-Institut schreibt entsprechend für Deutschland:

Im Zeitraum von 1999 bis 2012 haben in Deutschland die altersstandardisierten Erkrankungsraten für Schilddrüsenkrebs erheblich zugenommen. Von diesem Anstieg waren ausschließlich die prognostisch sehr günstigen papillären Karzinome sowie überwiegend junge Erwachsene betroffen. Dieser Trend ist in ähnlichem Ausmaß auch in anderen Ländern zu beobachten und wird am ehesten auf verbesserte Untersuchungsmethoden (beispielsweise Ultraschall) zurückgeführt, die etwa im Rahmen der Abklärung anderer Schilddrüsenerkrankungen zur Anwendung kommen. Die Sterberaten hingegen haben in geringem Ausmaß abgenommen. –

Aus: http://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Schilddruesenkrebs/schilddruesenkrebs_node.html

Nun zur hohen Politik: Das Erdbeben in Japan hatte Fernwirkungen auch in unsere Breiten. Bei den Energiewendehälsen in der Regierung brannten damals die Sicherungen durch. Erinnern wir uns: Einige Monate zuvor war noch die Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke beschlossen worden. Um die Erträge der Stromkonzerne aus der Laufzeitverlängerung  „abzuschöpfen“ (so der Jargon),  erfand die Regierung die Brennelementesteuer. Nach Fukushima wurde nicht nur die Laufzeitverlängerung wieder einkassiert, sondern auch die Reaktoren zwangsweise abgeschaltet. Dem Kind gab man einen hübschen Namen: Moratorium.  Was blieb, das war die Brennelementesteuer.  Inzwischen über fünf Milliarden Euro, die in der Kasse der  Energieversorger fehlen. Die mussten zudem weiterhin das Personal in den zwangsweise stillgelegten Kraftwerken vorhalten und entlohnen.  Auch wenn die Reaktoren keinen müden Euro mehr verdienen durften.

Im Rückblick war der hektische Atomausstieg nichts weiter als ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver der Regierung Merkel, um bei der Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg  weiter an der Macht zu bleiben.  Statt auf Ruhe und Besonnenheit nach den Unglück in Japan setzte die Kanzlerin auf Furcht und Panikmache. Dem  Wähler gefiel diese Energiewendehalsigkeit überhaupt nicht. Und so ging der  Schuss gründlich nach hinten los.  Angst ist eben ein schlechter Ratgeber. Wenn schon Öko, dann wählt man doch lieber das Original.

Man hätte es auch anders und besser machen können: Zum Beispiel mit dem Hinweis, daß Deutschland weder von Erdbeben noch von Tsunamis bedroht ist. Und daß die deutschen Reaktoren, die einer ständigen Überprüfung unterliegen, zu den sichersten der Welt gehörten. Und daß heutige Kernkraftwerke in ihrer Auslegung auch den Fall einer Kernschmelze berücksichtigen.

Schnee von gestern. Das Verpulvern der Milliarden für den überhasteten Atomausstieg hat für Merkel den eigentlichen Zweck grandios verfehlt: Statt Schwarz regiert weiterhin Grün im Südwesten dieser Republik. Inzwischen ist die CDU nur noch Juniorpartner in einer von den Grünen geführten Koalition. Ein politisches Desaster für die Union, die über zwanzig Jahre im Südwesten mit absoluter Mehrheit regieren konnte.

Fünf Jahre sind seit dem GAU ins Land gegangen und eigentlich sollten alle sind klüger geworden sein. Von wegen! Noch immer üben sich unsere Politiker und die Leitmedien in Verschleierung. Und ordnen mal schnell die 18.000 Opfer von Tsunami und Erdbeben einfach den Kernkraftwerk zu.  Tichys Einblick hat eine hübsche Übersicht all dieser Fehlinformationen erstellt:

http://www.rolandtichy.de/feuilleton/medien/5-jahre-fukushima-die-mediale-kompetenzschmelze/

Eine rühmliche Ausnahme machte ausgerechnet die ZEIT mit dem Beitrag: „Der Super-GAU in den Köpfen“. Hier nachzulesen:

http://www.zeit.de/wissen/2016-02/fukushima-jahrestag-atomkraft-tsunami/komplettansicht

Fassen wir zusammen: Der plötzliche Atomausstieg hat die deutschen Energiekonzerne zwischenzeitlich ruiniert. Leidtragende sind die Beschäftigten, Kleinaktionäre, die Ruhrgebietsstädte und unzählige andere. Ein Beispiel von tausenden: Etwa der Kunstpalast in Düsseldorf, dessen Hauptsponsor nun wegfällt. Die deutschen Strompreise sind inzwischen die höchsten in Europa.

RWE, Eon und Vattenfall klagen nun auf Schadenersatz für die kalte Enteignung.  Die Anwälte der Regierung  tricksen jetzt  mit juristischen Finessen, um die Forderung  der Energiekonzerne abzuwehren und von der  Verantwortung für das Debakel abzulenken. Bei der Auseinandersetzung mit der schwedischen Vattenfall wird argumentiert, daß dieser Kraftwerksbetreiber mehrheitlich im Staatsbesitz sei und nach Völkerrecht kein Staat einen anderen zivilrechtlich belangen könne. Bei Eon seien angeblich Einspruchsfristen versäumt worden. Das Ganze ist eine Aneinanderreihung von Peinlichkeiten. Zahlen werden am Ende wir alle. Wie üblich, wenn Politiker versagen.

Nebenbei bemerkt: Auch der Atomausstieg der Bundesregierung war ein europäischer Alleingang.  Kein anderes Land ist Frau Merkel auf diesem Weg  gefolgt.

Hier meine früheren Beiträge zu dem Thema:

15 Milliarden für Eon und RWE? (20.6.2015)

→Im Osten nichts Neues: Vierter Jahrestag Fukushima (18.3.2015)

Fukushima: 3. Jahrestag (6.3.2014)

Fukushima: 2. Jahrestag (11.3.2013)

Berichterstattung n-tv.de über Fukushima zum 1. Jahrestag


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