Kardinalfehler

Seine Eminenz, der Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, erteilt uns Geschichtsunterricht. Leider mit einem falschen Gleichnis. Er stellt die europäischen Auswanderer des 19. Jahrhunderts in die neue Welt auf eine Stufe mit den afrikanischen Wirtschaftsflüchtlingen dieser Tage. Und er ruft uns auf, „in dem Fremden den willkommenen Gast und neuen Nachbarn zu erkennen“. Hier der →ganze Text, veröffentlicht in der Rheinischen Post:

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Der Vergleich des Erzbischofs von Köln hinkt im vielfacher Hinsicht und es ist fast müßig, darauf einzugehen. Nordamerika war damals ein ausgewiesenes Einwanderungsland, trotzdem mußte jeder Neuankömmling auf Ellis Island erst durch die Kontrolle der Behörde. Viele wurden aufs Schiff zurückgeschickt. Illegale Einwanderung, Kriminalität oder gar Schleuser wurden nicht toleriert. Sozialhilfe, kostenlose Gesundheitsfürsorge oder Betreuung für die Neuankömmlinge waren unbekannt. Wer nach Westen weiterzog, der konnte allerdings 200 Hektar Land für sich beanspruchen, sofern er es einzäunte. Oder in Kalifornien nach Gold schürfen. All das ist unvorstellbar im heutigen Europa.

Und doch: Ein Aspekt des erzbischöflichen Gleichnisses gibt mir zu denken: Die Besiedlung Nordamerikas durch europäische Immigranten hatte fatale Konsequenzen für die dort bereits ansässigen Ureinwohner. Trotz praktizierter Willkommenskultur mittels Friedenspfeife. Ob der Kardinal auch daran gedacht hat?

Ich halte es für müßig, dem Kölner Kirchenfürsten Nachhilfeunterricht in Geschichte zu erteilen. Statt dessen greife ich seine plakative Überschrift auf: „Nächstenliebe endlich globalisieren!“ und schreibe den folgenden Leserbrief:

Eure Eminenz,

    ich fühle mich durch Ihren Beitrag in der Rheinischen Post vom 25. Juni betroffen. Nächstenliebe globalisieren! Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Denn leider gibt es da auf dieser Welt viele weiße, oder besser gesagt, schwarze Flecken. Länder, in denen die christliche Botschaft ungehört verhallt oder sogar bei Lebensstrafe verboten ist.  Und natürlich könnten wir auch hierzulande mehr tun. Es fehlt nicht an Appellen. Vor einigen Wochen hatte sich an gleicher Stelle wie Sie mit  nahezu gleichlautendem Tenor  Präses Manfred Rekowski zu Wort gemeldet.

 Dreiundzwanzigtausend Schwarzafrikaner haben  ihren Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, mit dem Leben bezahlt.  Jeder einer zu viel. Selbstverständlich  ist es Menschenpflicht, Ertrinkende zu retten. Das steht außer Frage. Aber schauen wir uns die „Flüchtlinge“ genauer an: Wer tausende an Dollar für eine Schlepperbande  bezahlen kann, der gehört in Afrika definitiv nicht zu den Ärmsten der Armen. Da gibt es ganz andere Schicksale von „Not und verzweifelter Hoffnung“ wie sie es schreiben. Nur ein Gegenbeispiel: Das millionenfache Flüchtlingselend im Sudan. Betroffen sind christliche Stämme des Südens , die von ihren islamischen Landsleuten aus dem Norden brutal verfolgt werden. Der Blutzoll: Über dreihunderttausend Tote in den letzten zehn Jahren. Die wenigsten dieser Entwurzelten können das Geld für die kriminellen Menschenhändler zur Einschleusung nach Europa aufbringen. Wann läuten die Glocken zu Köln auch für diese Opfer? Oder blicken wir zur Republik Südafrika: Seit dem Jahre 2000 hat gab es dort ebenfalls über dreihunderttausend Tote als Opfer von Mord und Totschlag. Ohne Bürgerkrieg, einfach so und ohne Glockengeläut.  Und dabei ist Südafrika selber Ziel von Millionen Migranten aus angrenzenden Ländern.

 Mit nur wenigen Euros pro Tag können Lebensunterhalt und medizinische Versorgung für eine Familie in Schwarzafrika gesichert werden. Das rechnen uns die Wohltätigkeitsorganisationen glaubhaft vor. Die Betreuung nur eines einzelnen Wirtschaftsflüchtlings hierzulande  kostet hingegen ein Vielfaches. Abgesehen davon wäre es sinnvoller, wenn die Milliarden, die sich die kriminellen Schlepperbanden alljährlich in die Taschen stopfen, den armen Volkswirtschaften auf den schwarzen Kontinent zugutekommen würden. Ist es nicht sittlich-moralische Pflicht, begrenzte Mittel dort einzusetzen, wo sie die beste Wirkung entfalten?

 Meine Frau und ich, wir  zahlen  jährlich einen vierstelligen Betrag an Kirchensteuer.  Hinzu kommt ein ebenfalls vierstelliger Betrag, der sich aus Spenden für wohltätige  Organisationen zusammensetzt: Misereor, Brot für die Welt, Ärzte ohne Grenzen, Cap Anamur, Aktion pro Humanität, Katastrophenhilfe. Die Aufzählung ist nicht vollständig.

 Die aufopferungsvolle Arbeit der vielen tausend freiwilligen Helfer, auch kirchlicher Mitarbeiter, die dort unten die Not lindern helfen, wird durch die Wirtschaftsflüchtlinge entwertet. Denn deren Geld, Arbeitskraft und Engagement würde in ihren Heimatländern dringend gebraucht.  Statt dessen bereichern sich Menschenhändler und die, die es bis hierhin geschafft haben, sitzen beschäftigungslos in ihren Unterkünften. –  Auch ich fühle mich als Spender geprellt.       

 Eure Eminenz,  mit bloßen Bibelzitaten aus dem Matthäusevangelium, adressiert an uns zivilisierte Europäer, ist es nicht getan. Auch nicht mit einer wie auch immer gearteten „Willkommenskultur“, so oft auch dieser Begriff gebetsmühlenartig wiederholt wird.  Damit wird das Problem der afrikanischen Flüchtlinge nicht gelöst werden. Wir haben auch eine Verantwortung dafür, daß  diese Menschen erst gar nicht die seeuntüchtigen Seelenverkäufer für die gefahrvolle Fahrt über das Meer besteigen. „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“. Auch das ist ein Bibelzitat. –  Und wie steht es um den Missionsauftrag der christlichen Kirchen? Dort unten vor Ort, im schwarzen Kontinent, im Angesicht der Diktatoren und Kleptokraten? Damit die Menschen erst gar nicht ihre angestammte Heimat verlassen ?  Sicher, das ist unbequem. Und vermutlich sogar gefährlicher als die Fahrt mit einem seeuntüchtigen Schiff.  Aber auch die Apostel begaben sich in Gefahr.  Nicht für sich selber, sondern um des Glaubens und der Mission willen.  Dies habe ich vor Wochen auch Präses Rekowski geschrieben. Die Antwort steht noch aus.

 Zurück zu unserem  Abendland, das nun leider in weiten Teilen nicht mehr christlich ist. Vor einen halben Jahrhundert wurden die afrikanischen Staaten von den  europäischen Kolonialmächten in die Unabhängigkeit entlassen. Ich erinnere mich noch gut an die damalige Euphorie und den Zukunftsoptimismus, die diesen geschichtlichen Prozess begleiteten. Heute ist Ernüchterung eingekehrt. Die Lebensverhältnisse vieler Menschen auf den schwarzen Kontinent haben sich seitdem verschlechtert;  demokratische Entwicklungen wurden durch korrupte Machthaber erst gar nicht zugelassen. Statt dessen Bürgerkriege, Hunger, Verelendung.  Wagen wir eigentlich, das politisch unaussprechliche zu denken? Dort unten wieder Verantwortung zu übernehmen? Es geht nicht um unser eigenes Seelenheil.  Es geht um die Rettung Afrikas und seiner Menschen.

 Der komplette Bevölkerungstransfer Afrikas nach Europa kann keine Lösung sein, auch nicht für den Gutwilligsten. Wer dies predigt, der beraubt sich seiner Glaubwürdigkeit. Das meine ich sehr wohl auch im religiösen Sinne.

 Mit freundlichen Grüßen

Beinahe wortgleich hatte ich vor einigen Wochen  einen anderen Kirchenoberen, Herrn Präses Rekowski, angeschrieben. Er hatte sich in ähnlicher Weise wie Kardinal Woelki in der Rheinischen Post  zu Wort gemeldet. Auch auf das →damalige Schreiben habe ich nie eine  Antwort erhalten; ich rechne auch nicht mehr damit. Predigen ist das eine, Zuhören das andere.

 Euer Bernd

 


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