Die Wut der Friedenskinder

so lautet die Überschrift eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 17.5.2015. Und der macht mich erst so richtig wütend. Denn ich fühle mich persönlich angesprochen. Der Autor Volker Zastrow ruft mir sinngemäß zu:  Stell Dich nicht so an! Ihr habt doch keinen Krieg mitgemacht! Euch geht es doch blendend!

Und weiter wörtlich: Natürlich gibt es Missstände aller Art in Deutschland; aber dass sie nun gerade eine Generation am stärksten zu beschäftigen scheinen, die es besser hatte als alle vor ihr, das ist schwer zu erklären. Viele der sogenannten „Wutbürger“ sind eigentlich Wutrentner. Woher die neue Altersradikalität? Warum glauben Leute, denen es so gutgeht, dass vieles so schlecht ist?

Volker Zastrow liefert gleich die Erklärung dazu: .. dann merkt man, dass ihnen die Verantwortung von früher fehlt. Sie hatten etwas zu sagen, man hat auf sie gehört.  Hier der ganze Text:
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-die-wut-der-friedenskinder-13596288.html

Das bringt mich vollends auf die Palme. Und so schreibe ich den Leserbrief:

Sehr geehrter Herr Volker Zastrow,
sehr geehrtes Redaktionsteam,

 ja, ich fühle mich durch den Artikel betroffen. Ja, ich habe Wut im Bauch. Als Angehöriger des Jahrgangs 1950 bin ich ein sogenanntes „Friedenskind“. Die Schrecken des Krieges habe ich nicht erlebt, aber  sie waren in Erzählungen der Eltern und Großeltern noch anschaulich lebendig. Die Kriegsversehrten, von denen sie sprechen: Sie waren im Straßenbild der Fünfziger Jahre noch alltäglich.  Und Kriegsfurcht habe ich am eigenen Leibe erlebt: Etwa 1961, als im August die Mauer gebaut wurde und sich amerikanische und russische Panzer an der Sektorengrenze direkt gegenüber standen. Oder 1963 in der Kubakrise, als wir stündlich die Nachrichten im Radio hörten: Ob denn nun die US-Flotte die russischen Schiffe mit den Raketenladungen anhalten und versenken würde. Die amerikanischen Atombomber B52 waren bereits gestartet und wurden ständig in der Luft aufgetankt, jederzeit bereit, mit ihren je vier 20-Megatonnen-Wasserstoffbomben Kurs auf die Sowjetunion zu nehmen. Die Kiste mit unseren „Atomvorrat“  für die Familie mit Milchpulver,  Mineralwasser, Taschenlampen und anderem Lebensnotwendigen hatten wir im Keller bereits vorsorglich gepackt. Und einige Jahre später, im August 1968, rollten russische Panzer zur Niederschlagung des Prager Frühlings über die tschechische Grenze. Die Kriegsgefahr war greifbar nahe. Die zur Entlassung anstehenden Rekruten wurden dienstverpflichtet bis sich die Lage wieder entspannte. Im Oktober 1968 wurde ich dann selbst zur Bundeswehr eingezogen.

 Warum habe ich heute  Wut? Das kann ich Ihnen gerne erklären.   Ein paar Beispiele: Unsere verdreckten und verkommenen Städte. Ich bin noch zu einer Zeit groß geworden, als Graffitis sowohl als Vokabel als auch als Phänomen völlig unbekannt waren. Niemand hätte sich getraut, damals  an öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen, Eisenbahnen, Brücken usw. herumzuschmieren.  Gut, es gab noch keine Junk-Food-Ketten. McDonalds und Konsorten waren hierzulande noch unbekannt. Aber auch Pommes-Schalen aus Pappe fanden in meiner Jugend noch den Weg in die dazu bestimmten Abfalleimer. Apropos Bahnhöfe: Damals sauber wie geleckt. Denn für Ordnung sorgte zum einen die Bahnpolizei. Zum anderen benötigte man eine kostenpflichtige Bahnsteigkarte, um überhaupt ohne Fahrkarte zu den Gleisen zu gelangen. Und niemand hätte sich vor den Augen der anderen getraut, seinen Dreck zwischen die Schienen zu schmeißen.

 Aber nicht nur der öffentliche Raum ist ein anschauliches Beispiel für heutige Dekadenz in Ordnung und Hygiene. Ich machte 1968 dank Kurzschuljahren mein Abitur mit gerade mal 18 Jahren. Daher verstehe ich auch nicht das heutige Gejammer und Gezerre um G8/G9. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Auch in unseren Schulen herrschten Sauberkeit, Ordnung und Disziplin. Neben Lehrern und Hausmeistern sorgte dafür nicht zuletzt die Schüleraufsicht. – Es war Anfang der Neunziger, als ich für eine Fortbildung erstmals wieder in ein Schulgebäude betrat. Ich war entsetzt. Das Gebäude heruntergekommen; die Räume verdreckt und verwahrlost. Eine Schande. Später wurde mir deutlich, daß diese Schule kein Einzelfall war sondern repräsentativ. Der Zustand heutiger Schultoiletten ist ein unappetitliches Beispiel. Disziplin: In unserem Bekanntenkreis sind einige Lehrer. Da höre ich am laufenden Band unglaubliche Horrorgeschichten. Ein Beispiel von vielen: Ein Viertklässler mit entsprechenden „Hintergrund“ beschimpft eine 23-jährige Referendarin nicht nur als „Hure“, sondern droht ihr auch noch: „Ich zünde dich an!“ .  Die junge Lehrerin bekommt einen Nervenzusammenbruch. Konsequenzen für den Schüler? Keine!  

 Szenenwechsel: Als kleiner Junge habe ich öfters meinen Vater von seiner Dienststelle, dem Landgericht einer Ruhrgebietsstadt, abgeholt. Ich konnte einfach so in das Gebäude hineinspazieren, niemand fragte nach dem Namen oder wohin ich wollte. Letztens war ich nach einem halben Jahrhundert wieder in demselben Gebäude: Ein Hochsicherheitstrakt, Leibesvisitation wie am Flughafen, strengste Kontrollen.  Ein ernüchterndes Erlebnis, das einen über den heutigen Zustand der Gesellschaft grübeln lässt.  Ursachen?

 Sie schreiben zur Interpretation unserer Befindlichkeit: … dann merkt man, daß ihnen die Verantwortung von früher fehlt

 Sie irren, wenn sie glauben, daß ich meiner Zeit als Chef nachtrauere. Ich hatte zwar Personalverantwortung für zeitweilig fünfzig vorwiegend akademisch gebildete  Mitarbeiter. Das heiß aber nicht, daß ich den großen Zampano  markieren konnte. Vielmehr: Mit fünfzig Kollegen Personalgespräche führen, Gehalt verhandeln, Personalentwicklungspläne aufstellen, Einsatzpläne besprechen, für Aufträge und Beschäftigung sorgen, Mediator sein für alle möglichen innerbetrieblichen Konflikte und Reibereien bei Kunden. Glauben Sie mir: Meine Beschäftigung mit den Enkelkindern gibt mir heute wesentlich mehr Lebensfreude als die damalige Rolle als Vorgesetzter. Nein, mir fehlt nicht die „Verantwortung von früher“, wie Sie es in Ihrem Artikel unterstellen.

 Meine Enkelkinder: Deswegen packt mich ja die Wut. Ich persönlich mache mir für mich keine schweren Gedanken. Ich bin gut versorgt, habe Immobilien, Autos, Motorräder und ich könnte so viele Weltreisen machen wie ich wollte. Aber unsere heutigen Politiker und Institutionen setzen die Zukunft unseres Landes und kommender Generationen aufs Spiel. Die  mangelhaften Performance der heutigen Politiker und Amtsträger  muß sich messen lassen an der grandiosen Wiederaufbauleistung der älteren Generation nach dem Krieg. Ein verwüstetes, zerbombtes Land. Millionen von Kriegsversehrten und Heimkehrern brauchten Lohn und Brot und ein Dach über dem Kopf. Dazu das Elend der Flüchtlinge. Das haben die Altvorderen alles gestemmt und  geschafft. Zur Erinnerung: Damals lag  die Umsatzsteuer bei gerade mal 4%. Heute zahlen wir 19% Mehrwertsteuer. Nie war die Belastung der Bürger mit Steuern und Abgaben so hoch wie heute. Und dabei können wir heute nicht einmal mehr die Infrastruktur erhalten, die nach den Krieg unter ganz anderen Verhältnissen erbaut und erschaffen wurde! Verstehen Sie meinen Zorn? Eine Schande!                

 Ich könnte diese Aufzählung endlos fortsetzen. Wenn Sie möchten, dann können wir das gerne weiter im Detail ausführen. Ein guter Ansatzpunkt für die Vertiefung in einzelne Problemfelder ist die Publikation eines weiteren schon beinahe „Friedenskindes“:  Der Bestseller „Deutschland schafft sich ab“. Aber bitte nicht nur konzentrieren auf das Kapitel 7, weswegen man dem Autor gerne  „Biologismus“ unterstellt hat. Nein, bitte auch die übrigen Kapitel lesen, die vom vollständigen Versagen unserer Bildungs- und Sozialsysteme handeln. Die werden nämlich von den Kritikern gerne geflissentlich ignoriert. Verständlich, daß Kanzlerin, Präsident, Gewerkschafter und sonstige Amtsträger in dieser Republik von der Lektüre dieses  Buches abgeraten haben. Denn es hält ihnen einen entlarvenden Spiegel vor Augen. Nein, meine Haltung ist nicht „überkritisch“, wie Sie es nennen. Nur realistisch.

 Übrigens: Unsere Jahrgänge waren nicht immer so pessimistisch. Wir waren in unserer Jugend beseelt vom Fortschrittsglauben, fasziniert von der technischen Entwicklung und hatten den festen Willen, aus unserem Leben etwas zu machen. Wir hatten sehr genaue Vorstellungen von unseren Berufswünschen. Unsere Eltern gaben uns auf den Weg: Ihr sollt es einmal besser haben als wir. Und so wurden wir Ärzte, Ingenieure, Juristen, Manager, was auch immer. Fast alle haben ihr Leben in die eigene Hand genommen und etwas daraus gemacht. Die heutigen Abiturienten? Etwa die Hälfte verlässt die Schule ohne konkreten Berufswunsch. Und dreht erst mal eine Ehrenrunde als „freiwilliges soziales Jahr“. Zur eigenen Selbstfindung.  Wir Alten befürchten mit guten Grund: So gut wie wir werden die es nicht mehr haben.

   Mit freundlichen Grüßen

 Bernd Ulrich

>>>> Ende des Leserbriefes <<<<<

Der komplette Text des Artikels in der FAS findet sich hier:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-die-wut-der-friedenskinder-13596288.html

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