Von Brandstiftern und Biologen

Liebe Pädagogen, liebe Biologen, liebe Freunde,

in diesen Tagen wird überall gefragt: Was ist denn das Motiv der Berliner  Brandstifter, die allnächtlich Autos dutzendweise abfackeln?

Sicher, Berliner Politiker weisen beschwichtigend darauf hin, daß in Paris in jeder Silvesternacht mehr Autos brennen als in Berlin im ganzen Jahr.  Es wird einem richtig warm uns Herz, wenn man solch tröstende, einfühlsame Worte empfängt.  Also: Stellt Euch nicht so kleinkariert an! Und bis vor kurzen war es ja noch so, daß vorwiegend neue Audis, BMWs, Porsches, Daimlers usw. ein Raub der Flammen wurden. Getreu dem Motto: Was ich nicht habe, brauchst Du auch nicht!   Die uralte Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit, umgesetzt in die Praxis. Aber inzwischen verglüht auch der altersschwache Polo der allein erziehenden Mutter; verschwelt der Uralt-Kombi vom Gemüsetürken. Warum?

Vielleicht hilft ein Blick in die aktuellen Schulbücher für Berlin und Brandenburg, Biologie Oberstufe (2009), Cornelsenverlag, Seite 381. Dort findet man unter der Überschrift Ökobilanz eines Autolebens

(Es folgt wörtliches Zitat):

Wenn Privatleute ein Auto fahren, sind für sie nur die Betriebskosten von Bedeutung. Für die gesamte Gesellschaft fallen aber weitere Kosten an, die vom Staat, also letztlich über Steuergelder beglichen werden müssen. Rechnet man zum Beispiel die Waldschäden auf die Verursacher um, ergeben sich 30 erkrankte und 3 abgestorbene Bäume für jeden Pkw. Unfälle wiegen noch schwerer: Pro Pkw werden 820 Stunden Lebenszeit durch Unfalltod vernichtet; 2800 Stunden Lebenszeit mit Behinderung werden verursacht. Dabei fährt ein Pkw bei 10-jähriger Nutzungsdauer nur etwa 2400 Stunden!

Nach dem Lesen dieser Zeilen empfinde ich es als geradezu staatsbürgerliche Pflicht,  böse PKWs einzuäschern. Zum Schutz von Umwelt und der automobilen Gesellschaft vor sich selbst. Und ich denke, so wie mir geht es  vielen.

Aber stimmen denn die Behauptungen? Zufällig bewirtschafte  ich ja selbst seit Jahrzehnten etwa 14 Hektar Bergwald mit ein paar Tausend Fichten, Buchen, Lärchen, Tannen. Und ein paar Ahornen, Eschen, Ulmen, Wildkirschen, Erlen und was sonst noch die Natur bei mir hervorbringt. Waldschäden kenne ich zur Genüge aus eigener Anschauung: Wildverbiss, Borkenkäfer, Schneebruch, Sturmschäden, lange Trockenperioden. Aber Schäden durch Autos? Bei mir nicht. Und seit der Entschwefelung von Kraftwerken vor etwa 30 Jahren gibt’s auch keinen sauren Regen mehr.  Statt dessen satte Zuwächse in Jahresringen der letzten Jahrzehnte, gut ablesbar an den frisch gefällten Bäumen. Aber bin ich repräsentativ? Ich studiere die Waldschadenberichte der Bundesregierung der letzten Jahre. Kein quantifizierbarer Hinweis auf durch PKWs induzierte Waldschäden: http://www.wald.de/waldzustandsbericht-2009/   Woher haben denn die Autoren ihr Wissen?

Ich forsche weiter: Was hat es mit übrigen Zahlen auf sich? Ich versuche nachzurechnen mit den offiziellen Statistiken des Verkehrssicherheitsrates: http://www.dvr.de/betriebe_bg/daten/unfallstatistiken.htm  Sorry, ich komme da auf ganz andere Werte. Schade auch, daß die Autoren im weiterführenden Text die Behauptungen über den „Abfall eines Autolebens“ nicht mit nachprüfbaren Quellen belegen.

Diese Schulbuchpassage wäre eigentlich was für eine kritische Text-und Quellenanalyse. Also doch wieder ein Thema für die Oberstufe? Und warum dann in einem Biologiebuch? Ich bin skeptisch, ob das so auf dem Lehrplan steht.  Mich beschleicht ein ungutes Gefühl von geistiger Brandstiftung.

Wie geht es Euch?

Viele Grüße,  Euer Bernd

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