Renomenitis: Die neue Vokabel für grassierenden Umbenennungswahn

Renomenitis (die; nur Singular) Begriffsdefinition: Zwanghaft kollektive Manie von Kommunalpolitikern zur Umbenennung von öffentlichen Straßen und  Plätzen, in der Regel verbunden mit der Zielsetzung, vermeintlich historisch belastete Namen und Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Gedächtnis zu tilgen. Vereinzelt zielt Renomenitis auch auf die Heroisierung  von Protagonisten der 68-er Bewegung  (→Rudi-Dutschke-Straße in Berlin). Renomenitis™ ist ein vorwiegend deutsches Phänomen, das verstärkt seit Beginn des 21. Jahrhundert auftritt, es gibt indessen auch schon  Belege aus dem letzten Jahrtausend.

Begleiterscheinungen: Renomenitis nimmt keine Rücksicht auf den Widerstand der betroffenen Anlieger und Anwohner. Deren Einsprüche sind  meist zwecklos und haben auch vor →Gerichten keinen Erfolg.

 Motivation und pathologische Ausprägung: Ursächlich ist das übersteigerte Bedürfnis der Akteure, sich dem jeweiligen politischen Zeitgeist (→Mainstream) stromlinienförmig anzupassen. Die zugrunde liegende  Weltsicht ist stets eindimensional dualistisch: Gut und Böse. Von  Renomenitis erfasste versprechen sich als verantwortlich  Handelnde eine  moralische Selbsterhöhung in dem Sinne: Seht her, wir sind die Guten. Denn wir streifen ab und tilgen Spuren böser Vergangenheit.   Damit wird die kritische Auseinandersetzung mit dem  historischen Kontext unterbunden. Renomenitis geht einher mit einem ausgeprägten Konformitätsdruck

 Historie: Die Tilgung der Namen von missliebig gewordenen Vorfahren hatte schon im alten Ägypten Tradition. Deren Hieroglyphen wurden aus Tempeln und Statuen ausgemeißelt. Später verewigten sich die neuen Potentaten auf den jeweiligen Monumenten. Siehe auch: →Damnatio Memoriae

 Aktuelle Zielscheiben von Renomenitis in deutschen Städten (in Auswahl):  →Agnes Miegel, Hindenburg, von Seeckt

mehr Informationen:

http://www.kul-tours.de/wesel-voerde-hindenburgstrasse.html

Nachtrag am 13.11.2012

Zu diesem Thema schrieb Herr Ulrich C. Kleyser in der FAZ im Oktober 2012 einen Leserbrief. Hier der ungekürzte Text:

Von 10a bis 14793c

In München (F.A.Z. „Streifzüge“ vom 11. Oktober) setzt sich fort, was dort schon vorher, aber auch in Celle, Münster, Aa­chen, Bonn, Hannover oder Hamburg und in vielen weiteren Städten längst Mode ge­worden ist – die historische Reinigung der Straßennamen. Aus historischen, ideologi­schen, emotionalen und persönlichen Be­weggründen oder einfach aus politischer „Correctness“ heraus werden Straßen umbenannt. Doch lässt sich Geschichte derge­stalt negieren oder verändern?

Folgt man diesem Ansatz, müssen na­türlich auch alle Karlsplätze (Sachsen­schlächter), Lutherstraßen (Türkenbrief), Blücherstraßen (Franzosenhass) oder an­dere dringendst umbenannt werden – doch in welche Namen? Der Einfachheit halber und um der politischen Korrektheit willen empfehle ich daher, alle Straßen in Deutschland mit Zahlen zu bezeichnen. Damit werden weiteren innerstädtischen Auseinandersetzungen vorgebeugt sowie zukünftige Diskussionen vermieden, und

insgesamt erfolgt eine vereinheitlichende Vereinfachung auch im Verständnis einer immer geschichtsferner werdenden Gesell­schaft. Diese Nummerierung, verbunden mit der Hausnummer, lässt sich dann auch als Grundlage für die Steuernummer, Krankenkasse, Führerschein oder Auswei­se kostengünstig und ohne großen Verwal­tungsaufwand verwenden. Doch halt – wo ist das Zentrum für die Straßenzahlen an­zusiedeln, dem – bürgerlichen – Markt­platz, dem – herrschaftlichen – Schloss, der – christlichen – Kirche oder dem – ka­pitalistischen – Bahnhof? Hier können sich noch ernsthafte gesellschaftspoliti­sche Konfliktfragen ergeben.

Doch zahlenmäßige Straßenbezeich­nungen, wie in Mannheim ähnlich er­probt, von 1 bis 30 000 oder mehr, haben ihren Charme und lassen sich sogar bei In­nenveränderungen der Stadt mit 10a oder 14793c schlüssig und diskussionsfrei wie einheitlich ergänzen.

ULRICH C. KLEYSER, BURGWEDEL

Nachtrag vom 5. Dezember 2012: Der Leserbrief eines betroffenen Ratinger Bürgers:

Renomenitis Ratingen

Renomenitis Ratingen

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One Comment on “Renomenitis: Die neue Vokabel für grassierenden Umbenennungswahn”

  1. Anonymous sagt:

    Der nächste Schritt wurde ja schon in 1984 beschrieben … dann werden naträglich auf Fotos auch noch die Straßenschilder nachbearbeitet; oder sagt man heute „gephotoshopt“. Vielleicht sollte man sich wirklich mal einen alten Stadtplan seiner Stadt besorgen und nachsehen wie die bekannten Straßen der Gegend früher hießen. Der Linneper Weg in Ratingen hieß historisch „Höseler Leichenweg“, wenn ich mich recht erinnere (habe das mal gelesen).

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