Bringt doch der Klapperstorch die Babys? Sind Betrunkene die besseren Autofahrer? Über Denkfehler, Irrtümer und Ängste. Rolf Dobelli, Walter Krämer und die FAZ.

Landkreise, in denen besonders viele Störche vorkommen, haben auch die höchsten Geburtenziffern. Dieser Zusammenhang ist mehrfach statistisch erwiesen. Für Deutschland, Schweden und andere Länder. Und zeitraumübergreifend sowohl für die fünfziger Jahre bis zum heutigen Datum. Für Studenten der Wirtschaftswissenschaften im ersten Semester das einprägsamste Beispiel, daß Korrelation nicht automatisch Kausalität impliziert.

Die Kunst des klaren Denkens von Rolf Dobelli

Die Kunst des klaren Denkens von Rolf Dobelli

Diesen und anderen Denkfehlern geht Rolf Dobelli in seinem Bestseller „Die Kunst des klaren Denkens“ nach. Eine aktuelle Fortsetzungsreihe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spezialisiert das auf Denkfehler, die uns Geld kosten. Und wiederum in eine andere Richtung geht Walter Krämer mit seinem jüngsten Buch: Die Angst der Woche
Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens.

Mein Eindruck: Zunächst die dick aufgetragenen Werbebotschaft auf der Rückseite des Umschlags: Es nicht unbedingt die Bibel, die in jede Aktentasche gehört. Vieles ist in ähnlicher Form schon vorher publiziert worden. Von daher sind es keine grundlegend neuen Erkenntnisse, allerdings erhebt der Autor auch keinen solchen Anspruch. Einige der Beispiele sind zudem untereinander auch ähnlich.

Trotzdem habe ich das Buch mit großem Vergnügen gelesen und kann es guten Gewissens jedem empfehlen. Angenehm: Man kann einfach mitten drin anfangen zu schmökern. Und zu jeder Geschichte gibt es eine hübsche Illustration, das hilft dem Gedächtnis. Man kann die eigene Phantasie schweifen lassen und um eigene Beispiele anreichern. Und ich werde das Buch auch später gelegentlich zur Hand nehmen. Denn man tappt öfters in die gleichen Fallen und ich ärgere mich dann anschließend über mich selbst.

Zu einzelnen, ausgewählten  Abschnitten:

The Swimmers Body Illusion: Hat mich irgendwie an meinem Besuch in der Lungenklinik  erinnert. Dort war ich nämlich vor ein paar Wochen um eine Ursache zu finden für meine immer schlechter werdende Kondition. Ich habe mich dort mit dem Arzt über Radfahrer unterhalten. Seine Aussage: Im Gegensatz zum Herzen ist die Lunge ist ein Organ, das man nicht trainieren kann. Die Tour-de France-Fahrer haben deswegen einen Radfahrer-Buckel (große Lunge), weil sie mit dem bereits auf die Welt kommen, und deswegen sind sie auch gute Radfahrer. Für Otto Normalo ist Training auf dieses Ziel zwecklos; er wird nie die Tour de France fahren.  Er kann schwimmen so oft er will. Er wird nie zu einen Mark Spitz.    

Social Proof: Entsprichtdem alten Werbeslogan der Bild-Zeitung: 4 Mio Bildleser können sich nicht irren. Darauf die Parodie von Klaus Staeck: Fresst Scheiße, 10 Mio Fliegen können sich nicht irren. Siehe auch Groupthink (weiter unten).

Reziprozität: Do ut des, so sagten die Lateiner. Kommt mir bekannt vor, wenn mir z.B. irgendwelche NGOs Grußkarten, Kalender, Anstecker etc. zusenden in der Hoffnung auf eine Spende. Die Kehrseite der Medaille, in dem Buch leider nicht erwähnt: Durch die Annahme eines Geschenkes fühlt sich der Beschenkte in der Regel tatsächlich verpflichtet. Deswegen kann das Schenken auch für den Schenker unangenehm sein, wenn er gerade diese Verpflichtung nicht will. So geht es mir, wenn ich ganz einfach jemandem eine Freude machen möchte ohne  eine Gegenleistung  zu erwarten. M.E. sollten wir einfach ein Geschenk so annehmen, wie es ist. Ohne uns zu revanchieren.

Confirmation Bias (2): Eine hübsche Erklärung, wieso bestimmte Weltbilder in Köpfen entstehen und sich verfestigen. Wenn jemand nur fest genug an Zombies glaubt, dann sieht er in seiner Umgebung überall Untote. Mein aktuelles Beispiel für eine solch verschrobene Weltsicht, die scheinbar in sich schlüssig ist:  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/lafontaines-lektion-warum-die-linke-oft-recht-hat-es-aber-nur-selten-bekommt-11885411.html . Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Oskar selbst daran glaubt. Er selbst gehört ja zu denen, die Wasser predigen und Wein trinken.

Authority Bias: Das Milgram-Experiment kannte ich bereits, aber die Geschichte mit den Fluggesellschaften und der Ausbildung der Copiloten war mir neu.  Da habe ich dazu gelernt.

The Story Bias: Erlebe ich täglich beim Lesen der Zeitungen. Ich habe dazu mal an einem konkreten Beispiel eine Glosse geschrieben: https://hansberndulrich.wordpress.com/2012/06/04/rheinische-post-verstost-gegen-pressekodex/ . Besonders hübsch und (un)passend zum Thema: Die Bilderserie vom Bahnhof Mönchengladbach.  

Die Kontrollillusion: Einfach nur witzig. Die Geschichte mit den Giraffen kommt immer gut an. Die Story mit den sinnlosen Knöpfen im Aufzug kannte ich noch nicht. Ist aber plausibel.

Die Incentive-Superresponse: Ratten und Schriftrollen, hübsche Beispiele. Das Dilemma hatte ich immer bei den jährlichen Zielvereinbarungsgesprächen mit den Mitarbeitern meiner Abteilung.

Die Regression zur Mitte:  Da fällt mir immer das Beispiel ein: Hexenverbrennungen sind gut und nützlich. Denn wenn irgendwann eine Plage zu lange dauerte, dann wurden ein paar Hexen verbrannt. Und siehe da, kurze Zeit später ging die Viehseuche oder was auch immer tatsächlich zurück. Folgerung: Die Hexenverbrennungen haben gewirkt. Ähnlich auch das Rezept der Regenmacher.

The Liking Bias: Einer der häufigsten Fallen, in die ich selbst tappe.

Groupthink: Dafür gibt es ein hübsches deutsches Märchen: Des Kaisers neue Kleider. Déjà-vu bei vielen Abteilungsleitermeetings.

The Zero-Risk Bias: Siehe Atomausstieg.

Die Induktion: Mein Beispiel: So wie heute, so ist das Wetter auch morgen. Stimmt in 90% der Fälle. Aber in 10%  geht es daneben.

Die falsche Kausalität: Meines Erachtens das wichtigste Kapitel im Buch. Aber eigentlich sollte es jeder kennen: Korrelation bedeutet nicht unbedingt Kausalität. Die hübsche Geschichte mit den Störchen  (allerdings bezogen auf Schweden) haben wir seinerzeit schon  in der Vorlesung über empirische Sozialforschung gehört. Aktuelles Beispiel: Klimawandel und Co²-Konzentration. Oder Todesstrafe und Kriminalität (allerdings im Umkehrschluss, daß die Todesstrafe keinen Rückgang der Schwerkriminalität bewirkt).  Letztens las ich eine Studie, daß angeblich die deutschen Bewohner in der Nähe von Migranten glücklicher sind als andere. Schlussfolgerung?

Self-Serving Bias: Darüber hätte man noch etwas länger philosophieren können. Als Schutzmechanismus, daß wir uns eigenes Versagen nicht eingestehen wollen. In extremer Ausprägung führt das zur Paranoia. Soziologisch: Schuld sind die anderen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, widrige Umstände, ein nicht kooperierender Partner, miese Prüfungssituation etc.  Wie würden wir uns fühlen, wenn wir gegenüber uns selbst wirklich ehrlich wären? Und das eigene Versagen eingestehen? Besser, wir flüchten uns z.B. in den Sozialneid. Und tarnen den als Ruf nach sozialer Gerechtigkeit.  Siehe auch dazu die kognitive Dissonanz ein paar Seiten weiter.

Association Bias: Den Pawlowschen Reflex sollte nun wirklich jeder kennen. Schon vor über 50 Jahren hat uns das unser Biologielehrer erzählt.   Davon kann man wunderbar abstrahieren.

Carpe Diem:  Interessant die Feststellung, daß die Fähigkeit zur Selbstdisziplin mit dem späteren beruflichen Erfolg korreliert. Eigentlich doch eine Binsenweisheit für Pädagogen?

Und hier nun die praktische Anwendung: →Denkfehler, die uns Geld kosten: FAZ

Mundus vult decipi, doch Dein Lateinischlehrer nie. So lernten wir in der Untertertia. Untertertia, kennt das noch jemand? Vorsicht, der Konsum des nachfolgend kurz angerissenen Buches von Walter Krämer könnte zur schmerzlichen Selbsterkenntnis führen. Schließlich haben wir doch alle unsere Ängste liebgewonnen. BSE, Vogelgrippe, Tschernobyl, Blitzschläge, Fukushima, usw. Mal ehrlich: Wir lassen uns doch gerne ängstigen. Das ist doch schaurig schön. Halloween ist gerade vorbei. Unsere Medien spielen gerne auf dieser Tastatur.

Walter Krämer: Die Angst der Woche. Richtig, es ist →Professor Dr. Walter Krämer aus Dortmund. Eben jener, der auch den →Professorenaufruf gegen die Bankenrettung der Euro-Politiker initiiert hat. Und der seit einiger Zeit die →Unstatistik des Monats veröffentlicht. Dieses Buch versteht allerdings nur jemand, der von Natur oder Schule mit zumindest rudimentären Rechenfähigkeiten ausgestattet wurde. Einer, der  den Spritverbrauch des Autos anhand von Tankrechnung und Kilometerzähler nachrechnen kann. Fähigkeiten, die in diesem Land auch bei Abiturienten nicht mehr selbstverständlich sind. Ich zitiere Walter Krämer: Während in Deutschland wie in vielen anderen Industrienationen jeder, der als Analphabet erkannt würde, mit sozialer Deklassierung rechnen müsste,  scheint das Eingeständnis, von Mathematik und Zahlen wenig zu verstehen, das soziale Ansehen im Gegenteil sogar noch zu steigern.

Mein eigenes Beispiel: Nur jeder siebte tödliche Unfall im Straßenverkehr wird durch Trunkenheit verursacht. Also fahre ich als Besoffener doch besonders sicher? Alles klar?

Und wenn Sie, lieber Leser dieses Blogs, mir bis hierhin gefolgt sind, dann gehören Sie zur Zielgruppe dieses Buches. Lesen Sie es! Sie werden ihre Freude daran haben. Versprochen!  

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