Deutsche Genossen als Freunde Russlands: Ein Rückblick

Mit seinem Leitkommentar in der FAZ vom 2.6. 2014  →„Einseitige Freundschaft“ spannt Frank Pergande einen interessanten Bogen deutsch-russischer Beziehungen vom Kriegsende bis zur Jetztzeit. Eine unterschlagene Episode sollte nicht indessen unerwähnt bleiben: Die empathische Zuwendung eines Großteils der Westdeutschen hin zur Sowjetunion in den siebziger Jahren.  Wie so häufig, ging es auch damals einher mit einem latenten Antiamerikanismus, der durch die abstoßenden Bilder des Vietnamkrieges, die täglich in den Nachrichten über deutsche Bildschirme flimmerten, befeuert wurde.

Ein Vierteljahrhundert früher war die Befindlichkeit hierzulande noch eine ganz andere. „Die Russen kommen!“ Dieser Schreckensruf aus Kriegs-  und  Nachkriegstagen hatte sich tief in das kollektive deutsche Gedächtnis eingegraben. Heute längst in Vergessenheit geratene Ortsnamen wie →Metgethen oder Nemmersdorf standen stellvertretend für die Gräuel, mit denen die rote Armee in der deutschen Zivilbevölkerung gewütet hatte. Millionen Frauen und Mädchen, die die Torturen der Massenvergewaltigungen überlebt haben, schwiegen aus Scham.

Zwei Freunde

Zwei Freunde

Mit der von Willy Brandt und Egon Bahr Anfang der Siebziger Jahre  initiierten neuen Ostpolitik und dem ausgesprochenen Verzicht auf die ehemals deutschen Ostgebiete trat indessen auch in der westdeutschen Bevölkerung  ein Sinneswandel ein. Der noch jungen Nachkriegsgeneration waren die Schrecken des Krieges und der Nachkriegszeit nicht mehr präsent. Flankiert von Medien, Meinungsmachern, Künstlern und Kulturschaffenden   gab es eine freundschaftliche, fast empathische Zuwendung  zur Sowjetunion. Die Fotoreportagen der damaligen Zeit zeigen die westdeutschen Spitzenpolitiker in  kumpelhafter Vertraulichkeit mit den Kremlherren Leonid Breschnew, Gromyko oder Kossygin. Brandt-Breschnew

Die damalige sozialliberale Regierung hatte  zwar Firmengeschenke auf einen maximal zulässigen Wert von 40 (in Worten: vierzig) DM begrenzt. Das hinderte sie indessen nicht, dem Generalsekretär der KPDSU  und Autonarren Breschnew einen Mercedes-Sportwagen 350SL im damaligen Wert von 45.000 DM als Gastgeschenk anzudienen.  Ein beleibter bärtiger Barde mit dem Künstlernamen Ivan Rebroff  schlüpfte in eine russische Identität um mit sentimentalen Weisen das deutsche Publikum auf die Liebe zur russischen Seele einzustimmen. Nach dem Klischee: Die neuen Freunde im Osten sind ja im Grunde ihres Herzens gutmütig wie Teddybären, etwas tollpatschig, aber trinkfest und durch und durch sympathisch. Das deutsche Olympische Komitee wirkte tatkräftig mit, als um die Vergabe der Olympiade 1980 nach Moskau ging. Und eine deutsche Sangestruppe trällerte ein Liedchen: „Moskau, Moskau, Russland ist ein schönes Land, wirf die Gläser an die Wand ..“ und stürmte damit die Hitparaden.

 Eine gewisse Ernüchterung in dieser Euphorie trat erst ein in den Weihnachtstagen des Jahres 1979, als russische Panzer über die Grenze nach Afghanistan rollten.

Dieser Leserbrief wurde nicht veröffentlicht.

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One Comment on “Deutsche Genossen als Freunde Russlands: Ein Rückblick”

  1. Senatssekretär FREISTAAT DANZIG sagt:

    Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt.

    Gefällt mir


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