Babyboomer, echte Fünfziger und Vierundsechziger

 

Der Autor im Jahr 1950

Der Autor im Jahr 1950

Es war zu Anfang diesen Jahres 2014, als sämtliche Feuilletons der großen Tageszeitungen an einen runden Geburtstag erinnerten: Die Babyboomer werden Fünfzig! Babyboomer? Genau, denn  1964 gab es die höchste Anzahl von Neugeborenen in der Republik, über 1,4 Millionen. Weder vorher noch später wurde diese Zahl je wieder erreicht. Bereits ein Jahr später setzte der Pillenknick ein. Seitdem geht es ständig abwärts. In mancherlei Beziehung. Doch davon später.

Alle Gazetten haben sich den Lebensläufen der  1964 geborenen und nunmehr Fünfzigjährigen ausführlich gewidmet. Was haben sie erlebt, wie ist es ihnen ergangen. Ich dagegen, selbst ein Fünfziger, aber vom Jahrgang 1950, habe nunmehr das vierundsechzigste Lebensjahr vollendet. Und ich will im Folgenden aufzeigen, wie sich unsere Erfahrungen und Werdegänge von denjenigen der Babyboomer unterscheiden. Klar, wir Ältere haben mehr auf dem Kasten –  an Lebenserfahrung. Aber das ist nicht die Schuld der Baby-Boomer. Sie wurden eben in eine andere Zeit und anderen Zeitgeist hineingeboren. Zählen wir einfach auf, was wir den Babyboomern voraus haben:

Trümmergrundstücke als Abenteuerspielplätze

Trümmergrundstücke gab es  noch in den fünfziger Jahren zuhauf zwischen den Häusern in der Stadt. Der Wiederaufbau war noch längst nicht abgeschlossen, überall standen noch ausgebrannte Ruinen als schauerliche Reste der Bombenangriffe aus dem Krieg. Das Betreten dieser Ruinen war gefährlich und natürlich verboten. Für uns Kinder indessen waren das  Abenteuerspielplätze. Man konnte prima Versteck spielen, herumstöbern, Feuerchen machen oder sich seine Burg einrichten. Man sollte sich aber nicht von den Großen erwischen lassen, sonst gab es Senge. Jawohl, richtige Haue, damals noch ein probates Mittel zur Kindererziehung. – Erst Anfang der sechziger Jahre schlossen sich die letzten Bombenlücken in den Häuserzeilen. Der Wiederaufbau war abgeschlossen.

Leierkastenmänner und Musikanten

Gehörten in unserer Kindheit zum  Straßenbild. Es waren Kriegsversehrte und Kriegskrüppel, die sich auf diese Weise ein paar Groschen zusätzlich erbettelten. Die Leierkastenmänner waren oftmals blind oder es fehlte ein Arm oder Bein, oft traf  beides zu. Es gab  auch Trompeter, Geiger und natürlich Akkordeonspieler, manchmal auch mit Gesang.  Betteln ist eigentlich die falsche Bezeichnung, man bekam ja auch etwas geboten, nämlich schöne Musik. In unserer Straße tauchte regelmäßig, so etwa alle zwei Wochen ein lustiges Duett auf, nämlich ein Trompeter und ein Geiger, die sich als kleines Orchester präsentierten. Natürlich klappte es häufig nicht mit dem gemeinsamen Einsatz, dann beschimpften sie sich gegenseitig. Vermutlich gehörte aber auch das zur Vorstellung. Ein dankbares Publikum dieser Darbietungen stand an den Fenstern und Balkonen. Zur Belohnung wurden dann von über ein oder zwei Groschen heruntergeworfen, eingewickelt in einen Fetzen Zeitungspapier, damit die Münzen nicht vom Pflaster sprangen und wegrollten. Zum Publikum: Das waren meist wir, die Kinder, und Hausfrauen, nämlich unsere Mütter, die uns das Essen kochten, ihren Putz machten und unsere Schularbeiten kontrollierten. Die Männer waren ja auf der Arbeit, Arbeitslosigkeit war noch ein Fremdwort.

Dampfloks

Ja, wir haben Sie noch gesehen, diese Riesenschnellzuglokomotiven. Die Stahlkolosse, wie sie fauchend und zischend am Bahnsteig standen. Der Zugführer pfiff, der Dampf blies in die Stahlzylinder, das riesige Räderwerk mit den Pleuelstangen fing an sich zu drehen und das Ganze setzte sich langsam in Bewegung. Schnaubend, keuchend, im immer schnelleren Rhythmus. Eingehüllt in eine mächtige Wolke aus Dampf. Gleich hinter der Lokomotive lief als erster Waggon der Tender mit dem Kohlenvorrat.  Im Führerstand der Lok waren immer zwei: Der Lokführer und der Heizer, der ständig die Kohlen aus dem Tender in den Kessel zu schaufeln  hatte. Wer dieses Schauspiel einmal erlebt hat, der vergisst das sein Lebtag nie. Später Geborene  kennen  das nur noch aus alten Filmen, Kinderbüchern, oder  Spielzeugeisenbahn. Heutige Nostalgiebahnen fahren mit viel kleineren Lokomotiven; kein Vergleich mit einer alten Schnellzuglok, die etwa zweihundert Tonnen Stahl aufs Gleis brachte.

Bahnsteigkarten

Ohne die durfte man erst gar nicht zu den Gleisen. Fahrkarte oder Bahnsteigkarte, ansonsten ging es erst gar nicht weiter. Der Zugang zum Bahnsteig in den Hauptbahnhöfen der Städte  wurde nämlich kontrolliert, so wie heute der Eintritt in ein Stadion. Zehn Pfennig kostete das Pappkärtchen, das dann abgelocht wurde wie eine Fahrkarte. Schöner Nebeneffekt: Der Bahnsteig war so sauber wie der ganze Bahnhof, nämlich blitzeblank. Für Ordnung und Sicherheit sorgte schon die Bahnpolizei, die in ihren blauen Uniformen auf Streife ging. – Übrigens: Das Sprichwort: Pünktlich wie die Eisenbahn hatte damals noch eine reale Bedeutung und im Gegensatz zu heute keine Spur von Zynismus.

Sputnik

1957. Zum ersten Mal  kreiste ein künstlicher Satellit  um den Erdball. Und zudem hatten den auch noch die Russen in den Weltraum geschossen. Eine Blamage für Amerika, zumal das Piepen des Sputniks überall auf der Welt mit Funkempfängern gehört werden konnte. Ich erinnere mich noch genau, wie unser Pfarrer im Kindergottesdienst schimpfte. Die Russen hatten nämlich behauptet, sie hätten da oben keinen Gott gesehen.

Hühnerstall und Einweckgläser

Dort, wo heute hübsche Vorstadtvillen stehen, hatten auch Opa und Oma einstmals ihr klein Häuschen mit großem Garten.  So etwa siebenhundert Quadratmeter. Platz genug für Gemüsebeete, einen kleinen Kartoffelacker, Obstbäume und natürlich, wie auch bei allen übrigen  Nachbarn in der Straße,  einen Hühnerstall mit großem Auslauf für das Federvieh.  Es dürften immer etwa acht bis zehn Hühner gewesen sein, die im Schnitt jeweils so alle zwei Tage ein Ei gelegt haben.  Für uns als Kinder war es immer ein Erlebnis, die Hühner zu füttern, die schon gackernd angerannt  kamen wenn sie uns mit der raschelnden Tüte kommen hörten. Ebenso spannend war das Eiersuchen, wenn  das störrische Federvieh die Eier mal nicht in das vorbereitete Nest, sondern irgendwo im Stall oder Auslauf abgelegt und versteckt hatte. – Bei den Obstbäumen hatten es mir zwei große Birnbäume besonders angetan, da konnte ich immer schön  hochklettern und weit in die anderen Gärten rüberschauen. Die Obsternte erfolgte alljährlich  im gleichen Rhythmus: Erst die Kirschen, dann die Pflaumen, später die Birnen und zum Schluss die Äpfel. Ich saß oben in den Baumkronen und pflückte, soweit ich mit den Händen und Obstpflücker greifen konnte. Unten nahm Opa die geernteten Früchte an.  In tagelanger Arbeit kochten Mutter und Oma das Obst ein und machten daraus entweder Marmelade oder  füllten es ab als Kompott  in die Einweckgläser, die dann sauber beschriftet in die Kelleregale gestapelt wurden.  – Anfang der Sechziger wurden die Hühnerställe abgerissen, aus dem Gemüsebeeten wurden Rasenflächen, schließlich wurden die Obstbäume gefällt. Die Einweckgläser landeten im Altglascontainer. Hinter Omas renoviertem Häuschen erstreckt sich heute eine pflegeleichte Rasenfläche, kein krähender Hahn weckt mehr morgens die Nachbarn.

Saubere Städte

Tatsächlich, Graffitis waren zu meiner Jugend unbekannt. Wir kannten nicht einmal diese Vokabel. Schmierereien an öffentlichen Gebäuden: Fehlanzeige. Es gab ja auch keine Farbsprühdosen. Und natürlich auch  keine  Plastikbecher und Verpackungen, die demzufolge auch nicht weggeworfen werden konnten. McDonalds, Burger King, das gab es nur in Amerika. Hierzulande hatten wir  höchstens die Pappschale für die Pommes, die wir uns ab und zu von der Bude holten. Fünfzig Pfennige, für die Mayo noch ein Groschen extra. Und ordentlich, wie wir waren, landete die Pappe im Mülleimer und nicht auf der Straße.

Ohrfeigen

Haben wir gar nicht nachgezählt. Wir haben reichlich und genügend bekommen, von unseren Eltern, von unseren Lehrern. Anlässe gab es zur Genüge: Fehlende Hausaufgaben, unzureichende Vokabelkenntnis, Unaufmerksamkeit im Unterricht oder schlichtweg Frechheiten. Das Wort „ungezogen“ war damals noch im Sprachgebrauch. Übrigens: Bei unseren Eltern brauchten wir uns erst gar nicht zu beschweren, wenn wir mal wieder eine Backpfeife durch einen Lehrkörper kassiert hatten. Denn zumeist erfolgte postwendend die nächste Abreibung durch unsere Erziehungsberechtigten.

Hat es uns geschadet? Wurden wir kriminell oder gewalttätig? Fehlanzeige! Mal ehrlich: Meist hatten wir diesen körperlichen Verweis auch verdient. Hingegen heute ist die brutale Gewalt unter Jugendlichen alltäglich. Klar, wir haben uns als Jungs geprügelt, aber es ging immer fair zu, stets „Mann gegen Mann“.  Wenn mehrere auf einen einzelnen losgehen wollten: Dann ging sofort die Klasse dazwischen. Wenn einer aufgab, dann ließ man auch von ihm ab. Nachtreten gab es nicht. – Bisher hat mir noch kein Reformpädagoge schlüssig erklären können, warum wir gerade heutzutage dieser extremen Brutalität unter Schülern sowie dem Vandalismus in Schulen und öffentlichen Einrichtungen  ausgesetzt sind. Denn seit den siebziger Jahren wird Gewaltlosigkeit an Schulen gepredigt, körperliche Züchtigung durch Lehrer oder Erziehungsberechtigte ist seitdem tabu.

Aufnahmeprüfung

Gymnasium und Abitur für alle? Denkste! Drei Tage lang wurden wir vom Gymnasium, zwar nicht auf Herz und Nieren, dafür aber auf Wissen, Hirn und Verstand geprüft. Damals waren wir gerade mal  zehn Jahre alt,  hatten die vierte Klasse der Volksschule hinter uns gebracht und hofften nun auf die Aufnahme in die „höhere Lehranstalt“, wie es damals noch hieß. Es war der Ehrgeiz unserer Volksschullehrerin, daß jeder ihrer Zöglinge diese Hürde zur Sexta, schaffen sollte. Und es haben auch alle bestanden, bis auf einen. Mit über zweihundert Sextanern in vier Klassen starteten wir in unserem Gymnasium in der Dortmunder Nordstadt im Jahr 1960. Neun Schuljahre später waren wir gerade noch 63, die zur Abiturprüfung antreten konnten. Nicht einmal ein Drittel war übriggeblieben. Der Rest war durch das Sieb der Zensuren gefallen.

Rechenschieber und Logarithmen

Schnelles Multiplizieren oder Wurzelziehen? Dafür hatten wir im Mathe-Unterricht  gleich zwei Instrumente zur Auswahl: Den Rechenschieber und die Logarithmentafel. Der Taschenrechner war ja noch nicht erfunden, der kam erst Anfang der siebziger Jahre. Die Logarithmentafel war natürlich genauer als dieser komische Stab mit der verschiebbaren Leiste. Und wir konnten sogar das grundlegende Funktionsprinzip erklären. Wenn nicht, dann hieß es: Setzen, Mangelhaft!

Küssen verboten

Unanständig! Bis Mitte der Sechziger war es praktisch undenkbar, sich in aller Öffentlichkeit abzuknutschen, selbst Umarmungen galten als anstößig, erst recht unter  Schülerinnen und Schülern.  Die höheren Schulen waren nach Geschlechtern getrennt; Koedukation war noch ein Fremdwort. Die Tanzschule, die wir mit fünfzehn Jahren besuchten, war ein erster Ort für schüchterne Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht. Dann ging es allerdings sehr schnell, die Sexwelle riss noch in den Sechzigern alle Dämme ein.  Galt etwa noch 1963 die Abbildung der unverhüllten weiblichen Brust als „unzüchtig“, so waren wenige Jahre später die Auslagen der Kioske voll mit den „Busenblättchen“.

Halt! Stehenbleiben, oder ich schieße! Hände hoch!

Das war ein beliebter Spruch, wenn wir als Kinder Räuber und Gendarm spielten.  Tatsächlich: Die  Polizei durfte damals auf flüchtende Verbrecher ballern. Ein Warnschuss in die Luft und dann wurde gezielt auf die Beine geschossen.  Erst Anfang der Siebziger entwickelte die vom Geist der 68-er geprägten Gesellschaft  Mitleid mit den Gangstern. Auf einmal galt  der Verbrecher als das bedauernswerte Opfer, den eine böse, repressive Gesellschaft zu  seinen Taten getrieben hatte. Und zumeist hatten die armen Gesetzesbrecher noch unter einer schweren Kindheit gelitten. Heute verliert ein Polizist, der auf einen Flüchtenden schießt, nicht nur seinen Job und seine Pension. Er wandert obendrein in den Knast.  Für mehrere Jahre. Die Zeiten haben sich  geändert.

Der Schaffner

Oder auch die Schaffnerin. In Straßenbahnen und Omnibussen gab es eine klare Aufgabenteilung: Der Fahrer war vorne zum Lenken da, der Schaffner kassierte hinten das Fahrgeld. Das war praktisch, denn der Bus konnte schon losfahren, während noch kassiert wurde. Der Schaffner, das waren oftmals Kriegsversehrte, darunter auch Frauen. Die Fahrscheine waren in Blöcken auf einer Tafel geheftet und wurden von Schaffner nach Entrichtung des Fahrgeldes abgerissen, geknipst  und dem Fahrgast übergeben. In Dortmund waren das Preisstufen von zehn bis siebzig Pfennig, je nach Entfernung.

Der Milchmann

Die heutige Generation kennt diese Figur nur noch aus dem Musical Anatefkva. Wir hingegen haben beim echten Milchmann unsere Frischmilch in die mitgebrachte Blechkanne zapfen lassen. Wenn morgens ein lautes Klingeln in der Straße ertönte, dann wusste  jeder: Aha, der Milchmann. In seinem Transporter  hatte er den großen Stahltank, aus dem er mit dem großen Hebel direkt in die mitgebrachten Gefäße abzapfte. Ein Liter kostete 50 Pfennig, das war ziemlich teuer. Natürlich gab es in der Stadt auch Milchgeschäfte. Auch dort wurde direkt in die Kanne abgefüllt: Einmal den Hebel halb durchziehen: ein halber Liter. Einmal ganz: Ein ganzer Liter. So einfach war das. In Dortmund, auf der Saarlandstraße, da gab es das Milchgeschäft Rüther. Dort wurde ich als Kind immer hingeschickt. Die Mutter schärfte mir ein: Rabattmarken nicht vergessen! Pro Fünfzig Pfennig Einkauf gab es nämlich eine Rabattmarke. Die wurden gesammelt und sorgfältig in ein Rabattmarkenheft eingeklebt. Ein volles Heft hatte den Wert von einer Mark fünfzig.  Und in der Adventszeit wurden diese Rabattmarkenhefte eingelöst und zum Einkauf der Zutaten für die Weihnachtsbäckerei verwendet.

Waschtag und Waschküche

Einmal in der Woche war Waschtag. Die Waschküche machte ihren Namen alle Ehre. Da gab es den großen Kessel, der erst angeheizt werden musste. Und da kam die Kochwäsche rein und wurde tatsächlich gekocht. Mit einem großen Holzpaddel konnte man darin herumrühren. Für mich als Junge war das immer eine Herausforderung, weil kräftezehrend und zudem schweißbadend wegen des Dampfes. Danach kam die Wäsche in die Abkühl- und Spülbecken, wurde gewendet und dann kräftig von Hand ausgewrungen. Und anschließend wurde die Wäscheleine gespannt, entweder auf dem Trockenboden oder bei Oma im Garten. Da wurden die Hemden und Laken mit Holzklammern aufgehängt.- Erst 1964 schafften wir uns die erste Waschmaschine an, eine Constructa. Sie kostete über zweitausend Mark, soviel wie ein halbes Auto.

Beat, Beatles und Beatniks

Yeah! Wir haben sie noch live erlebt, die ganz großen der Sixties. Die Beatles, die Beach Boys, die Birds, die jungen Stones, die Everly Brothers, die Kinks , The Who, Credence Clearwater, Simon and Garfunkel, Manfred Man, The Hollies. Sie alle hatten ihre große Zeit, als wir Pennäler waren, ein Kofferradio besaßen und Schallplatten vom Taschengeld kaufen durften. Die Sechziger, das war der Beat und Rock an Roll, das hörten wir schon in  unsere Kinderzeit; Elvis Presley das ganz große Idol. Doch dann, wir waren gerade mal zwölf Jahre, da tauchte die Band auf aus Liverpool mit ihren provokanten Pilzköpfen und einer Musik, die Schlag auf Schlag  einen Hit nach dem anderen hervorbrachte: I wonna hold your hand; Love, love me do; eben Beat. Unvergessen: Die Bilder der  Teenies, die in Live-Konzerten reihenweise vor Ekstase in Ohnmacht fielen. Aber auch andere Musiker hatten ihre ganz große Zeit: Jimmie Hendricks. In den Siebzigern war dann alles vorbei. Abba war die letzte Band, die noch die Massen begeistern konnte. Dann kam lange Zeit nichts mehr.  Da haben die Babyboomer echt was verpasst.

Intensivtäter?

Gab es nicht. Wiederholungstäter landeten ohne Bewährung im Knast, der bis Mitte der sechziger Jahre  noch nach Gefängnis und Zuchthaus unterschieden wurde. Somit hatte niemand die Möglichkeit, als polizeibekannter Straftäter innerhalb eines Jahres zehn und mehr Gewalttaten zu begehen.  Auch das Phänomen der Klau-Kids und  Crash-Kids war schlichtweg noch unbekannt. Denn wenn Halbwüchsige wiederholt gewalttätig wurden oder auf Raubzüge gingen, dann fanden sie sich in geschlossenen Erziehungsheimen wieder. Damit wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Zum einen wurde die  Gesellschaft vor weiteren Verbrechen geschützt, zum anderen brachten gelernte Kräfte den Bengeln  den Benimm bei, den das Elternhaus offensichtlich versäumt hatte.

Sicherheit ohne Terrorismus

Tatsächlich. Es gab mal eine Zeit, da bewegten  sich  Politiker, Kanzler, Minister oder Wirtschaftskapitäne in Deutschland ganz ohne Personenschutz in der Öffentlichkeit. Beim Spaziergang, Kino, oder Theater.   Man konnte als normaler Bürger sogar ohne Sicherheitskontrolle oder gar Leibesvisitation ein Flugzeug besteigen. Einfach so. Öffentliche Gebäude und Synagogen hatten keine Bewachung nötig. Terrorismus war ein weitgehend unbekanntes Fremdwort. Wir vom Jahrgang 1950 haben diese Zeiten noch erlebt. Die Marotte der Flugzeugenführungen tauchte erst Mitte der sechziger Jahre auf, zunächst praktiziert von Exilkubanern in den USA, später von Palästinensern nach den Sechstage-Krieg von 1967 weltweit perfektioniert. Kurze Zeit später etablierte sich der Linksterrorismus in diesem Land mit Bader-Meinhof und RAF. Seitdem ist nichts mehr so, wie es war.

Das und noch vieles mehr haben wir als Zeitzeugen erlebt. Angelo Giuseppe Roncalli  als Papst  Johannes der XXIII. Der Sechstagekrieg von 1967. Die Atomtests der Russen und der Amerikaner mit den täglichen Meldungen über Radioaktivität im Fallout. Der Ausschwitzprozess   und Eichmann in Jerusalem.  Die Ermordung der  Kennedys, Lumumbas und Martin Luther Kings.  Die Selbstmorde von Hemingway und Marylin Monroe. Chruschtschow als  Schuhklopfer in der UNO.  Cassius Clay gegen Sonny Liston. Biafra,  Minirock, Twiggy, Adenauer und De Gaulle. Der Bau der Mauer und der Prager Frühling. Notstandsgesetze und Prügelperser.  Maos Kulturrevolution und Vietnam-Krieg. Das Wembley-Tor. Die erste Mondlandung.  Ja, wir waren dabei, auch wenn der Fernsehbildschirm noch schwarz-weiß war.

Waren die Zeiten besser, damals, als wir noch Teenies waren?  Ich denke schon. Wir  waren optimistisch, hatten den festen Glauben an die Zukunft und den Willen,  aus unserem Leben was zu machen. Und so wurden aus dem Jahrgang 1950 Ärzte, Anwälte, Ingenieure, Physiker, Pfarrer, Soldaten, Beamte, Abteilungsleiter, Manager und natürlich auch viele Lehrer, um nur einige zu nennen. Klar, wir hatten  noch kein Internet und keine Handys. Dafür wussten wir, wovon wir sprachen.  Wir hatten Cäsar und Cicero in der Originalsprache gelesen, konnten die Glocke rezitieren, haben Shakespeare und Moliere aufgeführt, kannten nicht nur das Periodensystem sondern auch die Strukturformel von LSD und konnten ein Kurvenintegral berechnen. Ganz ohne Taschenrechner. Kants kategorischer Imperativ war uns ethisches Gebot.  Neue Medien? Die haben wir selber entwickelt.

Eines allerdings haben weder wir noch die Babyboomer zustande gebracht: Einen neuen Baby-Boom.  Nachwuchs? Mangelware. Die Einstellung zur Familie und traditionellen Werten hatte sich geändert. Wie sagte eine Emanze der 68-er, stellvertretend für viele: Kinder sind wie Kacke an der Hacke.  Zitiert nach dem von mir geschätzten Autor und profunden Betrachter unserer Gesellschaft,  Asfa-Wossen Asserate. Wir, die 1950-er als auch die Babyboomer, gehören zu einer aussterbenden Art. Umso wichtiger ist es, unsere Lebenserfahrungen und Empfindungen für eine spätere Nachwelt zu erhalten. Womit  ich hiermit einen Beitrag geleistet habe.

Euer Bernd

 

 

 

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