Gras über Grass

De Mortuis nil nisi bene. Nein, ich werde nichts schlechtes über den verstorbenen Günter Grass schreiben. Ich schreibe nur meine eigenen Gedanken und Empfindungen auf und wie ich die Wirkung auf sein Umfeld wahrgenommen habe. Nachrufe gab es viele, die meisten lobhudelnd, manche kritisch, einige vernichtend. Dem will ich mich nicht anschließen.

Günter_Grass_HundejahreIch war noch Oberstufen-Pennäler, so Ende der Sechziger, da war Grass angesagt. Jemand schenkte mir  die „Hundejahre“  und ich las das Buch von der ersten bis zur letzten Seite.  Irgendwie, irgendwann mußte doch der geistige Funke dieses prominenten Schriftstellers auf mich überspringen. Mitnichten.

Nach der Lektüre dieses Wälzers war mir der Appetit auf weitere Literatur des Autors Günter Grass gründlich vergangen und so blieb es bis heute. Hundejahre: Eine verquaste, aneinander gestückelte Geschichte, deren Spannung, Inhalte oder Botschaften sich mir nicht erschlossen.  Im Gedächtnis geblieben sind mir die Schilderungen der Vogelscheuchenfabrikation, kopulierender Roboter in Bergwerken und die Episode um das rostige Taschenmesser, für dessen Wiederfindung ein Kanal umgeleitet wurde.

Vermutlich lag es an mir kunstunverständigen Banausen, daß sich mir der tiefere Sinn dieser literarischen Ästhetik nicht erschlossen hat. Denn es gab noch andere moderne Literatur, der ich nichts abgewinnen konnte. Etwa Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“.  Aber auch das wesentlich ältere Werk „Ulixes“ von James Joyce machte auf mich den Eindruck eines schizoiden Gedankengestammels.  Gut, ich akzeptiere  daß  in meinen Sinnesorganen die Rezeptoren für moderne Kunst, sei sie nun bildgebend, literarisch oder gegenständlich, nur unzureichend  ausgebildet sind.  Denn auch in den Machwerken eines Josef Beuys erschließt sich mir nicht die Muse des Künstlers.  Schade.

Dabei gibt es durchaus Autoren, auch Nobelpreisgekrönte, deren Werke ich damals in den Sechzigern mit Gewinn gelesen habe. „The Power and the Glory“ von Graham Greene, „The Old Man and the Sea“ und  „For Whom the Bell Tolls” von Hemmingway, “The Catcher in the Rye” von Salinger.   Aber auch deutschsprachige Prosa, wie etwa “Die Ermittlung“ von Peter Weiss, „Der Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt, „In der Sache Oppenheimer“  von Kipphard um nur einige zu nennen, hatten damals auf mich einen nachhaltigeren Eindruck gemacht als etwa die „Hundejahre“. Selbst die trivialen Bücherbund-Romane von Hans-Hellmut Kirst (08/15) haben mir mehr gegeben.

Zurück zu Grass. Die „Hundejahre“ habe ich irgendwann ausgeliehen ; ich weiß nicht mehr an wen, und nie wieder zurückbekommen. Ich habe sie auch nicht vermisst.  In der Folgezeit habe ich Grass nur noch als politischen Aktivisten und Wahlkämpfer für die SPD Willy Brandts wahrgenommen. Und als tief verinnerlichten 68-er, dessen Weltbild auf der felsenfesten Überzeugung von der Kollektivschuld aller Deutschen an den Verbrechen der Nazis fußt. „Wer wissen wollte, der konnte wissen“, so lautete sein Tenor. Das ganze Handeln von Günter Grass leitet sich aus der Grundüberzeugung vom bösen Deutschen ab. Damit war er auf Distanz zu Willys Nachfolger Helmut Schmidt als Bundeskanzler. Behauptet  doch „Schmidt-Schnauze“  bis heute steif und fest, vom organisierten Massenmord des Dritten Reiches  nichts mitbekommen zu haben. Und dabei war  Helmut Schmidt zu Kriegszeiten  Leutnant in Görings Luftwaffe und obendrein  für  kurze Zeit als  Beobachter bei den Prozessen des Volksgerichtshofes abkommandiert.

Und noch etwas trennte die SPD-Genossen Günter und Helmut: Der Nato-Doppelbeschluss, den Helmut Schmid als Kanzler gegen die Friedensbewegten der eigenen Partei durchsetzte, der lag dem  Erfolgsautor ganz quer im Magen. Daß ein anderer Helmut, nämlich der Kohl, dann 1982 die Nachfolge in der Kanzlerschaft antrat machte die Sache noch schlimmer. Denn der neue  Helmut  setzte  die von Vorgänger-Helmut initiierte Sicherheitspolitik in punkto Nachrüstung fort. 

Nicht nur das: Wenige Jahre später, am 5. Mai 1985, vor genau dreißig Jahren, traf sich Helmut Kohl mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg. Neben fast zweitausend Gefallenen der deutschen Wehrmacht hatten auch über vierzig Angehörige der Waffen-SS dort ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die meisten waren gerade mal zwischen  17 bis 19 Jahre alt geworden. Der Rest ist Geschichte.  Die Reaktion der Zeitgenossen im Jahre 1985 ist bekannt. Günter Grass kommentierte am nächsten Tag: „Wir leisten uns gegenwärtig einen Bundeskanzler, dem die Unschuld, wenn nicht eingefleischt, so doch eingeboren ist.“ Als jemandem, der der eigenen Nation  gegenüber Ekelgefühl verspürte, war ihm folgerichtig auch die Wiedervereinigung des Jahres 1990 zutiefst zuwider.  So gab er schon wenige Tage nach den Fall der Mauer noch im November 1989 zu Protokoll: „ ..und die weitere Sorge ist, daß in der Bundesrepublik … das Wiedervereinigungsgeschrei wieder losgeht.“ hier

Dann im Jahre 2006 das  Erdbeben: Günter Grass bekannte sich zu seiner bis dahin verheimlichten Zugehörigkeit zur Waffen-SS!

Das traf seine Adepten ins Mark. Der Schock kann kaum in Worte gefasst werden.  Man stelle sich etwa vor, der greise Ajatollah Chomeini hätte sich auf seine alten Tage zum Katholizismus bekannt, seine alte Taufurkunde hervorgezogen  und wäre dann als Novize  in  ein Kloster eingetreten.  Wie hätte wohl die muslimische Geistlichkeit des Iran reagiert?  So etwa muß man sich die Wirkung von Grass spätem Geständnis auf seine Anhänger vorstellen.  Grass ein SS-Mann! Eine Welt brach zusammen!

Ich selbst hatte im Gegensatz zu den Genossen von Rot bis Grün  damit überhaupt keine Probleme. Nur ein Mensch, der mir nahe steht und den ich Wert schätze,  der kann mich enttäuschen. Und das traf bei Günter Grass eindeutig nicht zu. Grass hatte sich als 17-Jähriger zur SS gemeldet. Dafür kann ich ihn nicht verurteilen. Nein, dafür nicht. Ich hatte schon vor Jahren  die Autobiographie von Franz Schönhuber gelesen. In seinem Buch  „Ich war dabei“ beschreibt der ehemalige Fernsehintendant anschaulich, welch verführerische Anziehungskraft die schwarzen Uniformen der Waffen-SS auf junge Menschen zu jener Zeit ausübte.  Das berauschende Gefühl,  zu einer auserlesenen Elitetruppe zu gehören. Immer in vorderster Front stehend für Führer, Volk und Vaterland.  Ein Gefühl, das auch den jungen Grass beseelte.

Was sagte Grass dreißig Jahre später im Jahre 1985: „… Die wiederholten Beteuerungen, es habe die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes von Gaskammern, Massenvernichtungen, vom Völkermord nichts gewußt? Diese Unwissenheit spricht nicht frei. Sie ist selbstverschuldet… Alle wußten, konnten wissen, hätten wissen müssen.“

Der unbefangene Beobachter des Jahres 2006 fragte dann zu Recht: „Und Du, Günter? Was wusstest Du? Du warst doch auch mit siebzehn schon  ein aufgeweckter Junge?“

Einige Kommentatoren schreiben, daß Grass nach 1945 nie mehr „auf der falschen Seite“ stehen wollte. Halten wir ihm sein spätes Geständnis zugute. Früher oder später wäre es ja doch herausgekommen. Und da wollte der Nobelpreisträger wohl noch zu Lebzeiten vorbauen.

Vielleicht hätte ich damals doch zuerst „Die Blechtrommel“ lesen sollen. Die Erstlingswerke von Autoren sind in der Regel die besten.

De Mortuis nil nisi bene.  Jeder bilde sich ein eigenes Urteil.

Günter Grass' Grab auf dem Friedhof seines langjährigen Wohnortes Behlendorf. (Quelle: ddp)

Günter Grass‘ Grab auf dem Friedhof seines langjährigen Wohnortes Behlendorf. (Quelle: ddp)

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