Beispiel Singapur

Es war einmal ein armes, sehr kleines Land. Es hatte schon schwer gelitten unter hundertjähriger Kolonialherrschaft und wurde dann noch von einer fremden, feindlichen Macht erobert und besetzt. Einige Jahre später wurden die Eroberer vertrieben. Und die Kolonialherren kamen wieder zurück. Bis zur Unabhängigkeit dauerten es noch einmal zwanzig Jahre.

Dieses kleine Land hatte zwar einen Hafen, aber keine Bodenschätze, kaum Landwirtschaft und obendrein ein ungesundes, tropisches Klima. Selbst Trinkwasser mußte importiert werden. Aber dieser winzige Flecken Erde, kaum größer als der Bodensee, hatte eines: Fleißige, disziplinierte, genügsame und weltoffene Menschen. Kaum jemand gab ihnen eine Chance, damals vor fünfzig Jahren, als sie endlich unabhängig wurden.

Es ist wie im Märchen: Heute zählt dieses Land zu den reichsten der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt pro Kopf fast 60.000 Dollar. Das Volkseinkommen hat sich in nur einem halben Jahrhundert verhundertfacht. Bereits jeder zwanzigste Einwohner ist Millionär. Ein Märchen, das wahr wurde.

Irgendwie erinnert mich das an die schöne Geschichte der Gebrüder Grimm von Goldmarie und Pechmarie. Goldmarie war fleißig und bescheiden. Pechmarie dagegen gehässig, missgünstig, eingebildet   und zudem faul. Und so bekam jede ihren verdienten Lohn.

Unglaublich, aber dieses Märchen ist wirklich wahr. Dieses Land der Goldmarie gibt es tatsächlich. Singapur. In diesen Tagen feiert es sein fünfzigjähriges Jubiläum. Was ist das Erfolgsrezept? Die FAZ zitiert den „bekanntesten politischen Denker des Landes“ wie folgt:

Laut Kishore Mahbubani basiert der Erfolg Singapurs auf drei Prinzipien: Meritokratie, also der Herrschaft der Leistungsfähigen, Pragmatismus und Ehrlichkeit. Singapur ist eine Oase der Ordnung in dem ansonsten chaotischen Asien: effizient, diszipliniert, sauber. Die Kriminalitätsrate ist eine der niedrigsten der Welt. In den U-Bahnen hängen Schilder, auf denen mit empfindlichen Strafen gedroht wird: Rauchen kostet 1000 Dollar, Essen und Trinken werden mit 500 Dollar Strafe geahndet, die Mitführung von brennbaren Flüssigkeiten und Gas mit 5000 Dollar….Anders als in vielen Nachbarländern wird Korruption gnadenlos verfolgt. Singapur steht bei dem Korruptionsindex von Transparency International an siebter Stelle der „ehrlichsten Staaten“.

Ach ja, und noch etwas aus dem Text: Fast ebenso bekannt wie das Kaugummiverbot ist die Anwendung der Prügelstrafe. Singapurs Richter verhängen sie selbst bei kleineren Vergehen wie Vandalismus. Im Mai hatten zwei Deutsche aus Leipzig jeweils drei Schläge mit dem Rohrstock auf den nackten Hintern bekommen. Die beiden Graffiti-Sprayer hatten einen U-Bahn-Wagen in einem Depot besprüht.

Hier der ganze Artikel: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/asien/vor-50-jahren-erklaerte-singapur-seine-unabhaengigkeit-13735688.html

Ich kann nicht dagegen an, aber irgendwie empfinde ich klammheimliche Schadenfreude. Ich denke wehmütig an längst vergangene Zeiten, als auch hierzulande U-Bahnen, Bahnhöfe und öffentliche Gebäude noch blitzsauber waren. Ja, ich habe diese Zeiten noch erlebt, damals, vor etwa fünfzig Jahren.

Vor fünfzig Jahren: Da hatte auch unser Land seine Erfolgsgeschichte. Die Kriegsverlierer Deutschland und Japan, zerbombt, verwüstet und geplündert, waren auferstanden aus Ruinen. Mit Fleiß, Disziplin und Solidarität schaffte man hier wie dort den Wiederaufbau. Arbeitslosigkeit und soziale Hängematte? Gab es nicht. Jede Hand wurde gebraucht. Schon in den fünfziger Jahren überholte die junge Bundesrepublik die einstigen Kriegsgewinner England und Frankreich an Wirtschaftskraft. In diesen Ländern wurden damals andere Prioritäten gesetzt: Umverteilung und Verstaatlichung. Die Folgen sind bekannt.

Singapur ist bekanntermaßen keine parlamentarische Demokratie nach europäischem Muster. Das sollte uns nachdenklich machen. Denn der „Wettkampf der Systeme“ geht weiter, nur mit verändertem Vorzeichen.  Der Kommunismus in jeglicher Spielart ist zwar aus dem Rennen ausgeschieden. Er konnte die materiellen und ideellen Bedürfnisse seiner Untertanen nicht befriedigen und scheiterte am eigenen Anspruch. Aber im Wettstreit um die beste Staats- und Regierungsform sind neue Konkurrenten aufgetaucht. An denen müßen wir uns und unser Gemeinwesen messen lassen. „Die demokratische Krankheit“ hat der Ökonom Christoph Braunschweig in unseren westeuropäischen Ländern punktgenau diagnostiziert. Der Untertitel seines gleichlautenden Buches: „ Der fatale Teufelskreis aus Politikerversprechen und Wähleranspruch“. – Wir sollten das Modell „Singapur“ genau studieren.

Singapur heute

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